Eingeladen zum Fest des Glaubens

Leitartikel aus der Leutekirche September 2019

„Wie war’s? Was habt ihr so im Urlaub gemacht?“ Die häufigste Frage, wenn es zurück in den Alltag geht. „Strand, Baden, Essen, Lesen“ sind die häufigsten Antworten. Vor allem beim Kulturprogramm darf eins nicht fehlen: „Kirchen angeschaut.“ Das gehört (immer noch) zum Urlaubsprogramm vieler. Es braucht nicht der Petersdom in Rom sein, vor dem sich schon morgens um 9 Uhr Schlangen über den ganzen Platz bilden. Brav stehen Touristen in Italien vor großen und kleinen Kirchen, warten geduldig, lassen sich Tücher über die nackten Schultern legen. Was ist es, was die Menschen anstehen lässt? Ruhe kann es nicht sein. Schon gar nicht das schrille „Silencio“, das von Aufsehern gerufen wird, wie in Top-Attraktionen wie der Sixtinischen Kapelle. Zur Besinnung trägt es auf jeden Fall nicht bei. Und doch strecken Unzählige beeindruckt die Köpfe nach oben und staunen;machen kurz die Augen zu, atmen Weihrauchduft ein oder zünden eine Kerze an. Heilige Augenblicke sind das. Auf jeden Fall Augenblicke, die heilen. Es sind diese Unterbrechungen, die Kirchen zu etwas Besonderem machen. Es sind ein paar Momente, in denen diese Kirchen nicht Museum sind, sondern Sehnsuchtsorte, die helfen, dass ich mir näherkomme und Gott dabei sein darf. Die meiste Zeit sind ja Kirchen einfach nur da, im besten Fall offen und im allerbesten Fall ruhig. In unserer Martinskirche ist das seit 500 Jahren so. Mit ihrem Bau wurde 1514 begonnen, am 10. September 1519 wurde er mit der Weihe der damals neun Altäre vollendet. Durch die Gänge unserer Kirche ziehen keine Touristenströme, aber sie hat Platz, jeden Tag, 365 Tage im Jahr. In unserer Martinskirche ist Platz für ein paar Gedanken in der letzten Bank; Platz zum Allein-Sein mit den Sorgen, die täglich mitreisen, mit der Hoffnung, die am Marienaltar zu Licht wird oder für ein Dankeschön. Hier ist Raum für das Leben und für mehr. Gott sei Dank! Das feiern wir am 10. September mit Dekan Schmid und am 29. September mit Bischof Fürst und laden herzlich dazu ein.

Das Pastoralteam von St. Martin

Du schaffst das – mit Gott im Herzen

Leitartikel aus der Leutekirche August 2019

Nach der Schule heißt vor dem Zeltlager – so ging es 22 jungen KjG-Leiterinnen und Leitern dieser Tage, die zwischen finalem Schulstress, Studium und Kinderfest bei durchschnittlich 30 Grad das diesjährige KjG-Zeltlager aufbauen durften. Eine Mammut-Aufgabe. Doch die eigentliche Herausforderung besteht erst jetzt – die Betreuung von 70 Kindern über einen Zeitraum von fast zwei Wochen. Für junge Erwachsene im Alter von 16 bis 23 Jahren eine große Verantwortung. Herausforderung und Verantwortung – zwei Worte, denen auch ich mich Anfang des Jahres stellen durfte, als neuer Jugendreferent der Kirchen-gemeinde St. Martin. Raus aus dem strukturierten Berufsalltag, den ich fast zehn Jahre genoss, hinein in eine neue Aufgabe, deren Strukturen erst noch erschlossen werden müssen. Auf ein halbes Jahr blicke ich nun schon zurück – auf neue, un bekannte, manchmal auch fremde oder verwirrende Momente. Aber auch auf willkommene, dankbare, anerkennende und gemeinschaft liche Begegnungen, denen ich gerne nachsinne. Besonders die Gemeinschaft ist es, die mich in der ersten Zeit meines Ankommens in St. Martin sofort begeistert und mitgerissen hat und mir Mut gemacht hat. Sei es bei der Erstkommunion, der Firmvorbereitung, in Gottesdiensten oder beim gemeinsamen Kochen, Musizieren, Feiern. Mut machen – ist das nicht eigentlich mein Job? Das war doch dieser große Titel, der mit meiner neuen Stelle einhergeht und mittlerweile auf jedem zweiten Kirchenpapier zu lesen ist. Doch auch ein Mutmacher braucht hin und wieder jemanden, der ihm Mut zuspricht und sagt „Du schaffst das!“, „Du machst das gut!“ Da sind zum Beispiel die Lehrer in der Schule, die Trainer im Verein oder die Eltern zu Hause – aber vor allem der Eine, der immer da sein wird, um uns Mut zu machen: Gott in meinem Herzen. So gilt mein Mut-Machen heute allen, die sich trotz der Sommerpause weiterhin den Herausforderungen und Verantwortungen des Alltags stellen, sei es im Zeltlager, im Ferienjob oder in der Ausbildung:„Ihr schafft das, ihr macht das gut!“

Jugendreferent Dennis Hemer

Halbzeit

Leitartikel aus der Leutekirche Juli 2019

Das Jubiläumsjahr ist halb voll. Highlights sind bislang die Ausstellung im Museum oder der neue Kirchenraum. Derzeit schwitzen Kantorei und unsere Jugend- und Kinderchöre für ihre großen Auftritte. Groß ist auch die Vorfreude auf den Aktionstag am 29. September mit Bischof Fürst. Viel los also. Ich glaube, dass Jubiläen eine Herausforderung sind, und zwar für jede jubilierende Gemeinschaft: Ehepaare, Vereine oder Priester. Wer jubiliert, schaut zurück, freut sich über den Anfang und das, was daraus geworden ist. Bei Menschen ist dieser Lebenszyklus unumkehrbar. Organisationen aber können sich erneuern, jung werden – und das in jeder Lebensphase, auch nach 500 Jahren. Dazu braucht es den Blick nach vorne. Können wir mit unserer Kirche diesen Blick? Ich mag es nicht, wenn wir dann konservativ gegen progressiv ausspielen, und ich habe keine Lust auf Strukturdebatten, die um sich selbst kreisen. Deshalb hat der Kirchengemeinderat im Jubiläumsjahr beschlossen, dass wir bei uns bleiben. Hier in der Leutekirche. Hier Kirche sein bedeutet, hier Kirche für die nächsten Jahre zu gestalten: mit neuen Orientierungen, mit Ideen, die wir ausprobieren. Deshalb der neue Kirchenraum oder unser Schwerpunkt Kinder, Jugendliche und Familien (mehr dazu: www.leutekirche.drs.de).Mit dieser Haltung wollen wir aufstehen gegen ein „Früher-war-alles-besser“ und nach Visionen für unsere Leutekirche suchen. Das ist kontrovers und eckt an. Und es fordert vor allem unsere alten Kirchenbilder heraus. Kirche ist eben nicht nur das Gebäude aus Stein, sondern überall dort, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ – in unseren Kindergärten, in der Messe, daheim in den Familien, in der Mittagspause. Anders gesagt heißt die Herausforderung nach 500 Jahren Martinskirche: Wir dürfen die vielen Orte entdecken, an denen der liebe Gott schon ist, lange bevor die von der Kirche kommen – weil an vielen Orten Kirche ist, nämlich Gemeinschaft von glaubenden und vertrauenden Menschen.

Pastoralreferent Benjamin Sigg

Die besondere Gabe herausfinden

Leitartikel aus der Leutekirche Juni 2019

Zu Pfingsten kommen mir die Zeilen aus einem neuen geistlichen Lied in den Sinn: „Dein Geist weht, wo er will, wir können es nicht ahnen. Er greift nach unsren Herzen und bricht sich neue Bahnen. “Und dann denke ich an unseren neu gestalteten Kirchenraum, an den Kompass, den die Skulptur „Die Zuhörerin“ in der Hand hält. Es ist spannend, wie wir als Kirchengemeinde diesen Raum mit spirituellem Leben und Aufbruch erfüllen. Bereits beim Versöhnungsgottesdienst mit den Firmlingen war zu spüren, wie dicht die Atmosphäre in einem solchen Raum sein kann, wie wir Gemeinschaft neu erfahren, wenn wir im Aufbruch sind. Dann denke ich noch an ein Wort vom früheren Prior aus Taizé, Frère Roger Schutz aus seinem Jahreslesebuch „Jeder Tag ein Heute Gottes“:„Es genügt nicht, mit einem Menschen nur das zu teilen, was ihn im Innern unfrei macht. Man muss auch die besondere Gabe herausfinden,die Gott ihm geschenkt hat, den Grundpfeiler seiner Existenz. Sobald diese Gabe entdeckt ist, stehen alle Wege offen.“ Und wirklich: Jeder Mensch hat Gaben, Talente und Fähigkeiten. Was ist meine ureigene Gabe – so dürfen wir fragen, die Gabe der Menschen, die unser Leben teilen?! Denn dies macht das Leben reich und lässt uns die Menschen besser verstehen und erkennen und sie fördern auf ihrem Weg. Neid braucht da nicht zu sein. Die Gaben, Talente und Fähigkeiten der anderen nehmen uns nichts weg! An Pfingsten feiern wir, dass Gott einem jedem von uns seinem Geist schenkt. Der Kirche und uns selbst. Öffnen wir uns dafür – in unseren Herzen, in unseren Gebeten, auf dass die Begeisterung für den christlichen Glauben in uns selbst nie versiege!

Pfarrer Karl Erzberger

Hoffnung, Stärke, Gottesbegegnung

Leitartikel aus der Leutekirche Mai 2019

„Sei besiegelt mit der Gabe Gottes, dem Heiligen Geist“ – diesen Zuspruch erhalten die Jugend­lichen bei der Chrisamsalbung innerhalb der Fir­mung. Ein Zuspruch der Hoffnung, ein Zuspruch der Stärke, ein Zuspruch der Gottesbegegnung. Der Zuspruch erfolgt in eine spannende Lebens­phase hinein, an der Schwelle zum Erwachsen­werden. Bisher sind die Eltern viele Wege vor­ausgegangen und haben Entscheidungen für sie getroffen. Jetzt aber nehmen sie ihr Leben Schritt für Schritt selbst in die Hand, sind sie gefordert, den richtigen Weg für ihr Leben zu entdecken. Genau in diese Lebensphase hinein wird der Bund Gottes mit den Jugendlichen durch die Firmung nochmals deutlich bestärkt, ein Bund, der bereits mit der Taufe begonnen hat und der nun mit der Fürbitte um die Gaben des Heiligen Geistes „besiegelt“ wird. „Der Friede sei mit dir“ – so lautet der zweite Wunsch, den der Firmspender den Jugendlichen mit auf dem Weg gibt. Damit wird deutlich, dass der Geist Gottes ein Geist des Friedens und der Versöhnung ist. Verbunden mit dem Friedensgruß ist ein Auftrag an die Neu­-Gefirmten: Mit der Firmung werden die Jugendlichen zu erwachse­nen Christinnen und Christen, die Verantwortung tragen für ihre Werte und Überzeugungen, aber auch für ihr Engagement in Welt und Kirche. Es ist für mich immer wieder spannend zu er­fahren, welche Fähigkeiten und Begabungen die Jugendlichen mitbringen, im Sport, in der Musik. Viele von ihnen sind auch in der Kirche aktiv als Ministrantin oder Ministrant, in der KjG, in einem Jugendchor oder einer Band. Ich bin überzeugt, dass es genau um dieses vielfältige Engagement für das Zusammenleben der Menschen in unseren Städten und Dörfern geht, wenn die Jugendlichen bei der Firmung mit dem Friedensgruß aus­gesandt werden. So freue ich mich, den Jugend­lichen in Leutkirch am 26. Mai das Sakrament der Firmung spenden zu dürfen und sie als erwachse­ne Christinnen und Christen in ihr Leben und zu einem Engagement in Welt und Kirche aussenden zu dürfen.

Weihbischof Matthäus Karrer

Verbandel dich!

Leitartikel aus der Leutekirche März 2019

Das Kleine-Welt-Phänomen besagt, dass wir heute schon so vernetzt sind, dass wir jeden Menschen auf der Welt über sechs Ecken kennen. Facebook-Nutzer brauchen im Schnitt nur noch 3,5 Ecken, um mit allen verbandelt zu sein. Dass es eben nur eine Welt für alle Menschen gibt, das wollte auch der Künstler Uwe Appold auf dem diesjährigen Hunger tuch darstellen. Der Titel „Mensch, wo bist du?“ wird so zu einer Standort-bestimmung, zu der Frage, wie wir uns begreifen.Ein unfertiges Haus, umgeben von einem unübersehbar glänzenden Kreis. Beides steht auf Erde aus dem Garten Gethsemane, in dem Jesus verraten wurde. Eine Geschichte, die an ihrem Ende einen neuen Anfang nimmt. Im Hungertuch kommt sie zu uns in die Martinskirche. Wir feiern gerade 500 jähriges Jubiläum und auf die Frage „Wo bist du?“ wäre unsere Antwort derzeit: Auf den Spuren des heiligen Martin. So ist uns als Leutekirchern ein möglicher Weg durch die Fastenzeit bereits vorgebahnt. Der heilige Martin war ein Networker. Er hat nicht nur seinen Mantel geteilt, sondern auch seine Beziehungen. Er war ein wichtiges Bindeglied zwischen Rom und dem Frankenreich. Er baute tragfähige Beziehungen in seinem Bistum auf, indem er die ersten Pfarreien gründete. Vor dem Symbol des Martinsmantels wird die Fra-ge „Mensch, wo bist du?“ zu einer Aufforderung: Selber ein Mantel sein. Sich als Teil eines Ganzen begreifen. Begegnungen möglich machen. Verbindungen knüpfen. Das eigene Netzwerk unter die Lupe nehmen. Zeit, sich selbst zu beobachten, ist die ursprüngliche Bedeutung von Fastenzeit! Nach sieben Wochen können wir dann auf das Hungertuch blicken und etwas ausführlicher Stellung beziehen zur Botschaft, die dem Künstler mit seinem Werk unter den Nägeln brennt: Wer die Frage ,Mensch, wo bist du?’ ernst nimmt, wird zugleich in sich selbst hineinhören. Was mache ich gegen die Zerstörung der Schöpfung, die Ungerechtigkeit und die soziale Not? Wo stehe ich in diesem einen, gemeinsamen Haus?

Katrin Kegreiß Pastoralreferentin

Valentinstag: Mehr als Blumen

LEUTEKIRCHE Februar 2019 ST. MARTIN LEUTKIRCH IM ALLGÄU KATHOLISCHE KIRCHENGEMEINDE

Eine Probe der Band „Zeitlos“ und die Frage:„Spielen wir beim Valentinsgottesdienst?“ Was dann diskutiert wird, beschäftigt sicher nicht nur die Musiker. Haben Kirche und Liebende was miteinander zu tun? Gibt es da passende Lieder? Manche Ältere erinnern sich: Die Kirche hat sich bis ins Schlafzimmer eingemischt. Heute entlockt das nur noch ein Lächeln. Befreiung ist hier das Stichwort. Aber beides ist zu wenig: Weder Verbote noch die Befreiung von allem bringt Liebende weiter. Hier kommt Kirche ins Spiel: Sie ist doch für viele Lie­bende gerade der Ort, wo sie ihre Liebe feierlich bejahen. Am Anfang stehen zwei Menschen, die ihr Leben teilen wollen und die sehr wohl wissen, dass die rosarote Brille irgendwann verschwindet. Verliebt sein und lieben ist nicht dasselbe. Liebe ist mehr als erotische Anziehung, mehr als Zu­neigung. Es kann Komplikationen geben. Lieben und leiden können eng beieinander liegen. Das alles wissen Liebende seit Menschengeden­ken. Und es hat Platz in dem gefunden, was zur Tradition in der Kirche geworden ist. Etwa, dass Treue und Dauer wichtig für die Liebe sind. Dass es ein hohes Gut ist, wenn aus einem „du“ und„ich“ ein „wir“ wird oder wenn Paare das Glückhaben, Kinder ins Leben begleiten zu dürfen.Wer entsprechende Kirchentexte zur Kenntnis nimmt, erfährt: Es ist Freude und Lust, aber auch harte Arbeit, wenn Menschen ihr Leben als Lie­bende teilen. Es ist manchmal auch Frust.Scheitern und Zerbrechlichkeit gehören dazu. Man kann den Wunden nicht entgehen, wenn man leben will. Ich wünsche mir deshalb eine Sprache für die Liebe, die nicht vom „Verbot“ spricht, sonderndavon, wie der gemeinsame Weg gelingt undauch davon, wie Scheitern begleitet werden kann.Und manchmal überrascht Kirche damit danndoch. Bei ihrer Suche haben die „Zeitlos“­Musikerfestgestellt: Eigentlich dreht sich alles um dieLiebe in den Kirchenliedern. Man muss nur Augenund Ohren dafür öffnen.

Pastoralreferent Benjamin Sigg

Welchen Stein bringen wir mit?

Gedanken aus der Leutekirche Januar 2019

„Höre nie auf anzufangen, fange nie an aufzu­hören“ – das ist ein wichtiger Lebensgrundsatz. Für mich ist es mehr als ein originelles Sprach­spiel: eine Lebensweisheit. Mit dem 1. Januar beginnt ein neues Jahr: 2019. Immer wieder betreten wir Menschen Stufen und Schwellen. Und es ist ein Geschenk, ein Neues Jahr zu erreichen in unserem menschlichen Leben. Abschiede und Neu anfänge begleiten uns ständig. Aus dem Glauben heraus habe ich Jahr für Jahr diese Zuversicht, dass unser aller Leben unter einem guten Stern steht. Eben weil Gott mit uns beginnt und mit uns geht. Das haben wir doch an Weihnachten wieder gefeiert: „Immanuel“ – Gott ist mit uns.Das Jahr 2019 ist das Jubiläumsjahr 500 Jahre Kirche St. Martin. Wenn die Menschen damals zu den Gottesdiensten einen Stein mitbringen mussten, um die neue Kirche überhaupt erbauen zu können, dann überlege ich mir: Was bringenwir heute mit, was ist dran in unserer Zeit?„Martin folgen“ – so heißt unser neues Jahres­thema. Im Blick auf den heiligen Martin ist die Frage für mich: Was sollen wir heute teilen und schenken? Unsere Zeit, unseren Glauben, unsere Hoffnung?Es begeistert mich, dass Martin in seinem Herzen so tief in Jesus verankert war, er im Jetzt ent­schieden handelte und unermüdlich im Glauben unterwegs war. Das macht Mut, auch in einer säkularen Welt fest auf das Evangelium und die christliche Botschaft zu setzen!Herzlich sind Sie eingeladen, im Jubiläumsjahr in Freude und Glaubenslebendigkeit unsere Gottes­dienste und Veranstaltungen mit zu begehen und mit zu feiern. Dankbar bin ich für alle, die sich einbringen mit ihrer Zeit, ihren Fähigkeiten und Talenten, damit wir hier am Ort „Leutekirche“ gestalten können jetzt in unseren Tagen.

Pfarrer Karl Erzberger

500 Jahre St. Martinskirche. Das feiern wir 2019...

Editorial aus der Leutekirche Advents/Weihnachtsausgabe 2018

Einfach verrückt! Was vor 2000 Jahren im Niemandsland begann,
irgendwo bei Bethlehem. Einfach unglaublich! Dass daraus
eine weltumspannende Bewegung geworden ist. Deren Anfang
feiern wir an Weihnachten. Vor allem aber feiern wir, dass
in der Jesusbewegung die Kraft des Anfangs weiterwirkt. In jeder
Geburt können wir diese Kraft entdecken: Ein Kind kommt zur
Welt. Alles ist offen für Kind und Eltern. Und doch gibt es die
große Hoffnung, die alle Eltern teilen: Dass es gut wird.


Das ist die Hoffnung, oder anders gesagt: die Vision von Weihnachten.
Ihr Inhalt? Gott zeigt, dass er ganz auf der Seite der
Menschen steht. Radikal ist das, würden wir heute sagen. Es
beginnt in einer Krippe an Weihnachten und das letzte Wort hat
zum Glück nicht das Kreuz. In unserer Welt wirkt diese Vision
nur deshalb bis heute, weil sie Menschen angesteckt hat.


Angesteckt von dieser Vision waren die Apostel, aber auch die
vielen bekannten und namenlosen Heiligen. In Leutkirch fallen
uns Martin oder Franziskus ein. Franziskus deshalb, weil Jugendliche
und Erwachsene aus Leutkirch Ende Oktober in Assisi
waren. Assisi ist beeindruckend: die große Kirche San Francesco,
die Einsiedelei Carceri oder San Damiano, das kleine Kirchlein,
das der heilige Franziskus mit Freunden aufgebaut hat. Diese
Orte ziehen Millionen von Pilger an. Warum? Weil hier Menschen
aus der ganzen Welt Halt suchen und finden. Es gibt noch
eine Antwort darauf: Weil hier eine Vision lebt. Alles, was hier
seit dem 13. Jahrhundert entstanden ist, gibt es nur, weil hier
einer die Geburtsvision von Jesus weitergetragen hat. Franziskus
hieß er. Und der „Traum Jesu von einer besseren Welt“ war das
Logo dieser Vision.

Über 700 Jahre ist das her. 200 Jahre später haben Leutkircherinnen
und Leutkircher die St. Martins-Kirche gebaut. Monatelang
musste jeder, der zum Gottesdienst kam, einen Stein mitbringen.
Der Bau war eine enorme Leistung. Warum haben sie
das getan? Unsere Antwort: Sie hatten eine Vision. Was die Welt
seit Bethlehem bewegt, hat auch die Leutkircher bewegt. Als
sichtbares Zeichen dafür haben sie diese beeindruckende Kirche
für die Leute gebaut: St. Martin. Diesem Heiligen wollten sie
folgen, sich von seinem Beispiel anstecken lassen. Sie wollten
Kirche für die Leute sein.


Was macht das mit uns heute, wenn wir 500 Jahre später Jubiläum
feiern? Vor einer Kirche, die mal glänzt, mal bröckelt? Das
überlegen wir im Jubiläumsjahr. Über allem Feiern steht unsere
Überschrift „Martin folgen“. Welche Richtung kann er uns geben?
Eine Antwort finden wir nur, wenn wir nach seiner und
nach unserer Vision fragen. Das wollen wir 2019. Gemeinsam
mit Ihnen!

Pfarrer Karl Erzberger
Pastoralreferentin Katrin Kegreiß
Pastoralreferent Benjamin Sigg

Wir sind weltweit vernetzt

Gedanken aus der Leutekirche Oktober 2018

Der Oktober ist der Monat der Weltmission. Das Wort „Mission“ reißt viele nicht mehr vom Hocker, aber für mich ist es voller Leben, voller Dynamik, voller Hoffnung und Zukunft.
Der Weltmissionssonntag am 28. Oktober wird eben nicht nur bei uns begangen, sondern weltweit, somit auch in den Dörfern Guatemalas, Boliviens und Ugandas, in denen ich als Entwicklungshelfer tätig war. Der Weltmissionssonntag ist die größte Solidaritätsaktion unserer Kirche weltweit. Es geht unter die Haut, wenn die Bedürftigen wenige Cent zusammenkratzen – und mich begeistert, zu diesem Volk Gottes zu gehören, das weltweit auch bis in die hintersten Ecken unserer Erde vernetzt ist. Wir sind eine globale Glaubensgemeinschaft- und Sie und ich mitten drin!
Äthiopien steht dieses Jahr im Mittelpunkt. Beeindruckend ist, dass kaum ein Prozent der Bevölkerung dieses Landes Katholiken sind, zum anderen, dass es als eines der ärmsten Länder der Erde Aufnahmeland für Flüchtlinge aus ganz Ostafrika ist. Das sollte auch uns berühren und nachdenklich machen.

Was mich an der Weltmission begeistert, ist, dass Gottes Zusage allen Menschen gilt: Geschundenen und Ausgebeuteten, Vertriebenen und Flüchtlingen. Zur christlichen Botschaft gehören Fülle des Lebens und Befreiung aus Unterdrückung.
Die Armen in Lateinamerika und Afrika waren meine Lehrer mit ihrer Gastfreundschaft, tiefen Religiosität und der Ehrfurcht vor der Schöpfung. Partnerschaftlich sich begegnen heißt: geben und nehmen.
Ist Mission out? Mission ist so modern, so lebendig wie jeder und jede in der Welt wirkt und dadurch Zeugnis gibt. Wir alle sind Weltkirche! Wir sind vernetzt!

Josef Rauch

Musik ist immer ein Gebet

Gedanken aus der Leutekirche August 2018

August. Sommer. Ferien. Zeit und Muße, sich die ereignis reichen letzten Juli-Wochen durch den Kopf gehen zu lassen. Leutkirch im Juli, das ist ein einziges großes Fest. In der Stadt und in der Kirche.

Zum Fest gehört Musik. In St. Martin gingen die Festwochen am 8. Juli los: „Summertime“Gottes dienst, mit Kinderchor, mit Jugendchor, in bunten Farben, mit rhythmischen Liedern: „O happy day“!

Eine Woche später: Kinderfest. In der Martinskirche versammeln sich Franzosen und Italiener, Leutkircher und Auswärtige, Katholiken und Protestanten. Die Kantorei singt Sätze von Heinrich Schütz, von Johann Sebastian Bach. Zum Ausklang ein Orgelwerk Bachs. Das ist strenge, anspruchsvolle Musik, die den Chor fordert. Die Auswahl ist eine Reverenz an die evangelischen Gäste, ein Zeichen der ökumenischen Gemeinsamkeit. Musik eint, wo Worte manchmal trennend wirken.

22. Juli: Begegnungstag auf Schloss Zeil. Das Dekanat zeigt, dass es zusammengehört.
Augenfällig wird das im gewaltigen Chor neben dem Altar, der Sängerinnen und Sänger aus der Kernstadt, aus Seibranz, Diepoldshofen, Heggelbach etc. vereint. Mit Trompeten und Posaunen, Orgelklang und Tambling-Messe.
Künstlerisches Musizieren verlangt dabei mehr als nur aufführungstechnische Perfektion. Es fordert die Bereitschaft, menschliche Wärme in die Musik zu legen. Das gelingt nur zusammen mit dem Herzen. Dann ist Musik in der Lage, die Grundinhalte des Gebetes – Dank, Lob, Verehrung, Bitte und Klage – auszudrücken, ganz ohne Worte.


Der einfühlsame Zuhörer findet so in der Musik auch seine eigene Lebenssituation und Gefühlslage wieder. So entsteht über Epochen und Grenzen hinweg eine Verbindung von Komponist, Ausführenden und Zuhörer, und Musik wird  selbst zum Gottesdienst. Wer dabei war in diesem Juli, der konnte es in aller Vielfalt erleben.

Franz Günthner, Regionalkantor

Der Dekan war da...

Gedanken aus der Leutekirche Juli 2018

... zum Gespräch mit dem Pastoralteam. Seine
Frage: Wie steht es um die Kirche in Leutkirch?
Was treibt sie um?


Wir haben von der Umfrage „Kirche am Ort“ berichtet.
Ihre Ergebnisse sind im Kirchenraum ausgestellt.
Die verschiedenen Rückmeldungen haben
uns gezeigt, wie vielfältig Kirche in Leutkirch ist.
Manches Lob tat gut. Zum Beispiel, dass die
soziale Arbeit wertgeschätzt wird oder dass wir
auf einem guten Weg in der Jugendarbeit sind.
Hier wollen wir weiterentwickeln und planen
gemeinsam mit der Bischof-Moser-Stiftung eine
Jugendreferenten-Stelle für die Kirchengemeinde.
Er oder sie soll Jugendliche ansprechen und Räume
schaffen, in denen Kirche und Glaube erlebt
werden können.


Wir wissen auch um die Lücken, die es gibt. Die
Umfrage hat das gezeigt. Da wurden Wünsche
geäußert und Vorschläge gemacht. Bei allem, was
noch getan werden könnte, fehlt uns gerade ein
Diakon besonders. Wir vermissen seinen aufmerksamen
und manchmal bohrenden Blick für die
Nöte in unserer Stadt.

Wir sehen auch, was weniger wird. Es macht
nachdenklich, wenn ein Kirchenaustritt gemeldet
wird und wenn wir spüren, dass Menschen Kirche
nicht mehr als sinnstiftend erfahren. Gleichzeitig
erleben wir, dass Kirche Halt gibt: am Lebensanfang
oder am Lebensende.
Kirche verändert sich. Das wollen wir gestalten.
Uns beschäftigt die Gestaltung des Kirchenraums
oder wie sich unser Kinder- und Familienzentrum
weiterentwickeln wird. Oder wir überlegen, wie
wir frischgebackene Eltern gut auf die Taufe
vorbereiten können.
Zum Glück gibt es bei manchen Themen verschiedene
Meinungen. Das darf so sein. Wir bitten
um Nachsicht, wenn wir etwas übersehen. Wir
werben aber auch um Mut. Letztlich wissen wir
auch, dass wir nicht alles in der Hand haben. Das
ist „Chefsache“. Wir dürfen darauf vertrauen, dass
Gottes Geist in unserer Kirche wirkt.

Pastoralreferent Benjamin Sigg

Wie wär's mit einem Spaziergang?

Gedanken aus der Leutekirche Juni 2018

Nichts wie raus. Bei sommerlichem Wetter ist
draußen der Ort der Wahl. Spaziergänger und
-fahrer treffen sich an allen Orten. Und wenn
dann die üblichen Spazierwege aufhören, oder
man ein Schild übersehen hat? Ob das jetzt
abseits der Touristenrouten in fremden Städten ist
oder irgendwo im Nirgendwo zwischen Wald und
Wiesen: Man wird gezwungen, selbst einen Weg
zu finden.
Und so befindet sich der Spaziergang plötzlich
mitten im Leben. Rechts, links, geradeaus, alle
Möglichkeiten stehen offen und der Ausgang
ist erstmal nicht abzusehen. Eine kleine Herausforderung,
die richtigen Entscheidungen zu treffen
und abzuwägen. Eine große Hilfe, die eigenen
Vorlieben und Prioritäten herauszufinden.
Nicht umsonst verlassen viele – zumindest für
eine Weile – die vertraute Umgebung. Es erleichtert
die Suche nach dem persönlichen Lebensweg.
Vom vorgegebenen Pfad abgewichen ist auch
Luigi (Aloisius) von Gonzaga. Das war so zweite
Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sein Vater, damals
Markgraf der Leutkircher Partnerstadt Castiglione,
hatte eine große Karriere für ihn vorgesehen.

Aber der vorgegebene Weg ist für den entschlossenen
Jungen keine Option. Es zieht ihn dafür
eindeutig zum Gebet. Er verzichtet auf sein Erbe
und geht nach Rom zu den Jesuiten, um Theologie
zu studieren. Während der Pestepidemie
beharrt er hartnäckig darauf, die Kranken pflegen
zu dürfen, und steckt sich bald selbst an.
Kurz vor seinem Tod sagt der 23jährige zu seinem
Provinzial: „Wir gehen, Pater.“ –
„Gehen?
Wohin?“ – „In den Himmel, wenn meine Sünden
mich nicht aufhalten.“ – „Seht den jungen
Mann“, flüstert der Provinzial, „er spricht von
seinem Weg in den Himmel wie wir von einem
Spaziergang nach Frascati!“
Luigi ist Patron der Studierenden und der Jugend.
Er ist Fürsprecher bei der Entscheidungsfindung
in der Berufswahl. Sein Gedenktag ist am 21.
Juni.

Katrin Kegreiß, Pastoralreferentin

Kirche: Spiritueller Kraftort

Gedanken aus der Leutekirche Mai 2018 

Wie können wir heute Kirche sein in einer Zeit der Veränderungen, und wie heute den Menschen die Nähe Gottes weitergeben? Da tut sich ein weites Feld auf. Mit Blick auf die Gottesdienstbesucher ist konkret die Frage: Wie möchten wir künftig unsere Gottesdienste feiern? Was ist uns da wichtig?
Ein Gedanke ist, neuen Raum zu gewinnen.
Neuen Kirchenraum! Das heißt auch: bisher
Gewohntes und Vertrautes loszulassen.
Für nach Ostern 2019 ist geplant, die hinteren Bankreihen der Martinskirche bis zur Höhe der beiden Seitentüren zu entfernen. Im Herbst des nächsten Jahres halten wir dann Rückschau, wie sich das Ganze anlässt, und wie weitere Schritte sein können. Für besondere Gottesdienste, die mehr Plätze erfordern, kann eine bewegliche Bestuhlung eine Lösung sein.
Ein neu gestalteter Raum eröffnet uns neue innere und auch spirituelle Räume: Etwa für Meditationen, Predigtnachgespräche, Orte des Zuhörens, das Rosenkranzgebet, das Stundengebet, für Schülergottesdienste, für Bibelgespräche.

Wir rücken so näher zusammen. Der neu gewonnene Raum kann aber auch der Präsentation von religiöser, zeitgenössischer Kunst dienen. So ist im Jubiläumsjahr 2019 eine Kunstinstallation von Sarah Opic geplant. In der Beschreibung ihres Projektes spricht sie von der Schaffung eines Denkraumes, eines Wirkraumes, der Luft gibt und den Besucher einlädt – zum Zurücktreten, um zu beobachten, zum Eintreten und Mitgestalten.
Etwas Neues ist wie ein neuer Weg, der beschritten werden soll; lasst uns da gemeinsam, mutig und zuversichtlich miteinander auf dem Wege sein, und Schritt für Schritt vorangehen.
Ein neu gestalteter Kirchenraum wird für uns weiterhin ein spiritueller Kraftort sein für die Feier von Gottesdiensten und für die Gottesbegegnung, für die menschliche Gemeinschaft wie auch für Stille und Verweilen und für das Gebet.

Karl Erzberger, Pfarrer

Ostern ist Neuanfang

Editorial zur Osterausgabe 2018

Endlich ist Frühling. Rasend schnell geht das in der Natur. Wo gerade noch Schnee lag, schauen die ersten grünen Spitzen durch den Boden. Das Frühjahr wirkt auch auf uns Menschen: Durch atmen, den Winter hinter mir lassen und neue Kraft tanken. Frühling ist Neuanfang: in der Natur und für uns Menschen.
Ostern ist Neuanfang. Ein starkes Bild, dass wir Ostern feiern, wenn der Frühling beginnt. Was die Jünger berichten, ist ein unglaublicher Neuanfang. Auferstehung! Neue Hoffnung, neuer Mut für die Jünger damals, die nach dem Tod Jesu getrauert haben. Für uns heute: Auch unser Leben wird auf eine neue Stufe gehoben, weil wir es mit anderen Augen anschauen dürfen.
Es gibt viele Osterbräuche. Sie können die Augen öffnen, wenn Erklärungen nicht mehr weiterkommen, wenn nur das Stottern bleibt. Aus einem Bergdorf wird von so einem uralten Osterbrauch erzählt:

Am Ostermorgen, beim ersten Glockenläuten, rennen die Menschen zum Brunnen des Dorfes und waschen sich das Gesicht und die Augen. Jeder greift mit seiner Hand in den Brunnen und berührt seine Augen damit. Ein einfacher Brauch. Mitten im Leben, zu Beginn des Frühjahrs, am Ostermorgen die Augen bewusst auswaschen und die Welt mit anderen Augen sehen.
Wer in diesem Dorf zum Brunnen rennt, ahnt, was es heißt, blind zu sein. Wenn sich einer selbst vor lauter Terminen aus den Augen verliert und blind für die eigenen Bedürfnisse wird. Oder wenn ein anderer seinen Partner nicht mehr sieht und nicht spürt, was ihn umtreibt. Oder wenn einer blind vor Trauer ist und der Schmerz ihn erdrückt.
Es gibt so vieles, was unsere Blicke trübt, was uns eingrenzt und den Weitblick nimmt. Die Enge des Alltags kann das sein. Oder das Verstecken hinter Illusionen und Fassaden. Unterbrechungen sind da heilsam.
Ostern ist so eine Unterbrechung, ein Neuanfang. „Jesus lebt, mit ihm auch ich“, heißt es in einem Osterlied. Wenn ich es in der Osternacht singe, dann spüre ich die Kraft von Ostern. Was ich an Leid und Trauer in Leutkirch erlebe, was das Leben von Menschen schwer macht, seh’ ich auf einmal mit anderen Augen. Manche Osterbräuche mögen nur Gewohnheit sein. Andere können der Versuch sein, einen neuen Blick zu riskieren. Waschen Sie doch am Ostermorgen mal Ihre Augen aus!
Neue Blickwinkel möchten wir auch mit unserer Oster ausgabe der Leutekirche eröffnen. Was passiert in der Leutkircher Kirchen gemeinde? Was bewegt uns an den Kar- und Ostertagen? Wir freuen uns auch wieder auf Rückmeldungen. Eine Mail schreiben, anrufen, auf der Straße ansprechen oder selbst aktiv werden, wenn Veränderung nötig ist

Benjamin Sigg Pastoralreferent

Ich bin, weil du bist

Gedanken aus der Leutekirche März 2018

Wie lautet das erste Wort, das ein Kind sagt? Ball? Mama? Papa? Egal. Sicher ist: Kein Kind der Welt sagt als erstes „ich“. Kinder sprechen in ihren ersten Worten von dem, was sie umgibt. Du, Mama oder du, Papa. Die ersten Worte eines Kindes richten sich an andere, weil ein Kind vom ersten Blick an spürt, dass es nicht alleine ist. Alleine kann es nicht leben. Am Anfang steht das „du“.

Davon erzählt das Fasten-Hungertuch im Chorraum unserer Kirche, das dort schon in der vergangenen Fastenzeit zu sehen war. Chidi Kwubiri aus Nigeria hat es gemalt. Zwei Gesichter sind zu sehen. Sie haben unterschiedliche Farben, sie schauen sich an. Es sind zwei Bildhälften, voneinander getrennt und doch verbunden. Die Arme scheinen sich zu berühren. Der Künstler malt nicht seine Flucht aus Nigeria, sondern seine Vision: Dass bei aller Verschiedenheit Menschen aufeinander zugehen, weil jeder weiß: Ich bin, weil du bist.

Wir sind aufeinander angewiesen. Das müssen Erwachsene im Gegensatz zu Kindern wieder lernen. Rebekka Weitz aus unserer Gemeinde, hat das in Mexiko erlebt. Was für sie zählte, war nicht das Pensum, das sie täglich leistete, sondern kleine Dinge. Mitleben, mitkochen, mitfeiern. In der Weihnachtsausgabe der Leutekirche hat sie davon ausführlich berichtet. Der Pfarrer von Rebekkas Gemeinde in Mexiko hat uns einen Brief geschrieben: „Erst im Nachhinein können wir so Recht ermessen, was wir mit ihr erleben durften. Sie hat Jesu Wort in die Tat umgesetzt: Es ist Zeit für Euch, sich gegenseitig die Füße zu waschen.“ Ein schönes Bild aus der Bibel: Die gegenseitige Fußwaschung. Respekt und Wertschätzung schwingen hier mit. Oder anders gesagt: Ich weiß, dass ich bin, weil du bist.  

Pastoralreferent Benjamin Sigg

Die Schwelle überschreiten

Gedanken aus der Leutekirche Februar 2018

Gerade war es doch erst, da haben wir alle gemeinsam die Schwelle in ein neues Jahr überschritten. Die einen hoffnungsvoll, die anderen eher besorgt und ängstlich. Und schon wieder stehen wir an einer Schwelle. Nur noch wenige Tage bleiben allen, die in Feierlaune die Faschingszeit genießen wollen. Mit dem Aschermittwoch ist bekanntlich ja alles vorbei und die österliche Fastenzeit beginnt. „Das ist ja wieder typisch Kirche“, höre ich die einen sagen. „Jetzt gönnen sie einem nicht einmal mehr die paar schönen und ausgelassenen Tage und drohen schon im Vorfeld mit der Fastenzeit!“ „Es ist Zeit, dass der heidnische Spuk ein Ende hat und wir uns wieder den ernsten Dingen des Lebens zuwenden“, sagen die anderen. Es ist gut, dass es beides gibt. Die Zeit des Feierns und der Freude und die Tage der Besinnung auf das Wesentliche. Nicht das eine tun und das andere lassen ist angesagt, sondern sowohl als auch! Nur wer beide Zeiten bewusst erlebt, kann tatsächlich auch die Schwelle zwischen diesen Zeiten überschreiten. Als Christen sind wir zur Freude berufen. Zur Lebensfreude! Wir dürfen Die Schwelle überschreiten das Leben feiern, weil es uns von Gott geschenkt ist und weil das Leben Sieger bleibt. Sieger über den Tod. Böse Zungen behaupten ja, dass wir Katholiken vor allem deshalb so gerne feiern würden, weil wir anschließend die Gelegenheit zur Beichte und damit zur Sündenvergebung hätten. Weit gefehlt! Wir feiern, weil uns das Leben in der Gemeinschaft geschenkt und aufgetragen ist. Feste und Feiern stärken diese Gemeinschaft. Und wir feiern, weil wir bewusst über die Schwelle des Aschermittwochs gehen wollen. „Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“ Der leibliche Tod steht uns vor Augen, wohl wissend, dass er das Leben in Gottes Gegenwart nicht auslöschen wird. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Diakon Rainer Wagner

Das neue Jahr anlachen

Gedanken aus der Leutekirche Januar 2018

Meine Söhne lachen. Abends. Beim Beten. Es ist jedes Mal die gleiche Stelle. Wenn wir beten, dann stolpern sie über das Wort „Sorgen“ und die beiden zeigen die kindliche Freude über ein neues Wort. Die Sorgen anlachen wie die Kinder. Das gefällt mir. Ich soll mich jeden Tag fragen, wie viel Raum ich dem Schweren geben muss, oder ob es etwas zum Schmunzeln gibt. Das neue Jahr liegt vor uns wie ein leeres Buch. Die Seiten sind leer und müssen erst noch gefüllt werden: mit Schönem und Aufregendem. Auch Trauriges und Sorgenvolles wird seinen Platz finden. Alles offen. Und doch wissen wir aus dem vergangenen Jahr, dass wir nicht alles machen können. Was wir erlebt haben, prägt uns. Was wir nicht erreichen konnten, geht mit ins neue Jahr. Es gehört beides zusammen: Das Spüren von Ohnmacht und die Sehnsucht, dass es gut wird. Das neue Jahr anlachen Im Kinderlachen erlebe ich diese Sehnsucht. Da steckt viel Leichtigkeit und Freude drin. Und die soll mehr Platz haben als Enttäuschungen und Niederlagen. So will ich in das neue Jahr gehen. Die Seiten des Buches sind zwar noch leer. Aber ich glaube, dass ein anderer schon das Vorwort geschrieben hat. „In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft; in die Sorgen des Alltags und in die Weite deiner Träume lege ich meine Zusage: ICH-BIN-DA.“ Der Verfasser des ICH-BIN-DA hat zugesagt, dass er auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Und er wird das Nachwort schreiben. Gott sei Dank!  

Pastoralrefernt Benjamin Sigg