Ich bin, weil du bist

Gedanken aus der Leutekirche März 2018

Wie lautet das erste Wort, das ein Kind sagt? Ball? Mama? Papa? Egal. Sicher ist: Kein Kind der Welt sagt als erstes „ich“. Kinder sprechen in ihren ersten Worten von dem, was sie umgibt. Du, Mama oder du, Papa. Die ersten Worte eines Kindes richten sich an andere, weil ein Kind vom ersten Blick an spürt, dass es nicht alleine ist. Alleine kann es nicht leben. Am Anfang steht das „du“.

Davon erzählt das Fasten-Hungertuch im Chorraum unserer Kirche, das dort schon in der vergangenen Fastenzeit zu sehen war. Chidi Kwubiri aus Nigeria hat es gemalt. Zwei Gesichter sind zu sehen. Sie haben unterschiedliche Farben, sie schauen sich an. Es sind zwei Bildhälften, voneinander getrennt und doch verbunden. Die Arme scheinen sich zu berühren. Der Künstler malt nicht seine Flucht aus Nigeria, sondern seine Vision: Dass bei aller Verschiedenheit Menschen aufeinander zugehen, weil jeder weiß: Ich bin, weil du bist.

Wir sind aufeinander angewiesen. Das müssen Erwachsene im Gegensatz zu Kindern wieder lernen. Rebekka Weitz aus unserer Gemeinde, hat das in Mexiko erlebt. Was für sie zählte, war nicht das Pensum, das sie täglich leistete, sondern kleine Dinge. Mitleben, mitkochen, mitfeiern. In der Weihnachtsausgabe der Leutekirche hat sie davon ausführlich berichtet. Der Pfarrer von Rebekkas Gemeinde in Mexiko hat uns einen Brief geschrieben: „Erst im Nachhinein können wir so Recht ermessen, was wir mit ihr erleben durften. Sie hat Jesu Wort in die Tat umgesetzt: Es ist Zeit für Euch, sich gegenseitig die Füße zu waschen.“ Ein schönes Bild aus der Bibel: Die gegenseitige Fußwaschung. Respekt und Wertschätzung schwingen hier mit. Oder anders gesagt: Ich weiß, dass ich bin, weil du bist.  

Pastoralreferent Benjamin Sigg

Die Schwelle überschreiten

Gedanken aus der Leutekirche Februar 2018

Gerade war es doch erst, da haben wir alle gemeinsam die Schwelle in ein neues Jahr überschritten. Die einen hoffnungsvoll, die anderen eher besorgt und ängstlich. Und schon wieder stehen wir an einer Schwelle. Nur noch wenige Tage bleiben allen, die in Feierlaune die Faschingszeit genießen wollen. Mit dem Aschermittwoch ist bekanntlich ja alles vorbei und die österliche Fastenzeit beginnt. „Das ist ja wieder typisch Kirche“, höre ich die einen sagen. „Jetzt gönnen sie einem nicht einmal mehr die paar schönen und ausgelassenen Tage und drohen schon im Vorfeld mit der Fastenzeit!“ „Es ist Zeit, dass der heidnische Spuk ein Ende hat und wir uns wieder den ernsten Dingen des Lebens zuwenden“, sagen die anderen. Es ist gut, dass es beides gibt. Die Zeit des Feierns und der Freude und die Tage der Besinnung auf das Wesentliche. Nicht das eine tun und das andere lassen ist angesagt, sondern sowohl als auch! Nur wer beide Zeiten bewusst erlebt, kann tatsächlich auch die Schwelle zwischen diesen Zeiten überschreiten. Als Christen sind wir zur Freude berufen. Zur Lebensfreude! Wir dürfen Die Schwelle überschreiten das Leben feiern, weil es uns von Gott geschenkt ist und weil das Leben Sieger bleibt. Sieger über den Tod. Böse Zungen behaupten ja, dass wir Katholiken vor allem deshalb so gerne feiern würden, weil wir anschließend die Gelegenheit zur Beichte und damit zur Sündenvergebung hätten. Weit gefehlt! Wir feiern, weil uns das Leben in der Gemeinschaft geschenkt und aufgetragen ist. Feste und Feiern stärken diese Gemeinschaft. Und wir feiern, weil wir bewusst über die Schwelle des Aschermittwochs gehen wollen. „Bedenke, o Mensch, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst!“ Der leibliche Tod steht uns vor Augen, wohl wissend, dass er das Leben in Gottes Gegenwart nicht auslöschen wird. Wenn das kein Grund zum Feiern ist.

Diakon Rainer Wagner

Das neue Jahr anlachen

Gedanken aus der Leutekirche Januar 2018

Meine Söhne lachen. Abends. Beim Beten. Es ist jedes Mal die gleiche Stelle. Wenn wir beten, dann stolpern sie über das Wort „Sorgen“ und die beiden zeigen die kindliche Freude über ein neues Wort. Die Sorgen anlachen wie die Kinder. Das gefällt mir. Ich soll mich jeden Tag fragen, wie viel Raum ich dem Schweren geben muss, oder ob es etwas zum Schmunzeln gibt. Das neue Jahr liegt vor uns wie ein leeres Buch. Die Seiten sind leer und müssen erst noch gefüllt werden: mit Schönem und Aufregendem. Auch Trauriges und Sorgenvolles wird seinen Platz finden. Alles offen. Und doch wissen wir aus dem vergangenen Jahr, dass wir nicht alles machen können. Was wir erlebt haben, prägt uns. Was wir nicht erreichen konnten, geht mit ins neue Jahr. Es gehört beides zusammen: Das Spüren von Ohnmacht und die Sehnsucht, dass es gut wird. Das neue Jahr anlachen Im Kinderlachen erlebe ich diese Sehnsucht. Da steckt viel Leichtigkeit und Freude drin. Und die soll mehr Platz haben als Enttäuschungen und Niederlagen. So will ich in das neue Jahr gehen. Die Seiten des Buches sind zwar noch leer. Aber ich glaube, dass ein anderer schon das Vorwort geschrieben hat. „In das Dunkel deiner Vergangenheit und in das Ungewisse deiner Zukunft; in die Sorgen des Alltags und in die Weite deiner Träume lege ich meine Zusage: ICH-BIN-DA.“ Der Verfasser des ICH-BIN-DA hat zugesagt, dass er auf krummen Zeilen gerade schreiben kann. Und er wird das Nachwort schreiben. Gott sei Dank!  

Pastoralrefernt Benjamin Sigg