Rückblick auf das Jahr 2020

Samstag, 5. September 2020

3. Orgelmatinee 2020 - "Luce e Gioia"- Licht und Freude

Giulia Biagetti, Lucca, Italien

Bernd Guido Weber in der Schwäbischen Zeitung vom 7.9..2020:

"Giulia Biagetti bringt Licht und Freude

Ein absolutes Highlight beim letzten Konzert der diesjährigen Reihe „Orgelmatinee zur Marktzeit“. Staunen und langer, herzlicher Applaus.
Giulia Biagetti Domorganistin aus Lucca in der Toscana, interpretiert Werke, die man sonst nie oder höchstens ganz selten hört. Und wie! Funkelnd, brillant: tatsächlich „Luce e Goia“ – Licht und Freude, so das Thema der Matinee in St. Martin.

Aufbrausende Akkorde
Die Domorganistin, Orgellehrerin und Leiterin diverser Konzertreihen eröffnet mit „Venus Toccata“ von Carol Williams (geboren 1962). Die ist in den USA sehr populär, was zum einen an ihrem Youtube-Kanal liegt, „on the bench“, mit ihr auf der Orgelbank. Zum anderen ist ihre Musik durchaus eingängig, mit aufbrausenden, dominierenden Akkorden, die sie dann gut durchhörbar variiert.
„Fountain Reverie“ von Percy Fletcher (1879-1932) kommt dagegen ruhig-romantisch, gefällig dahinplätschernd, in zarten Farben hell aufsteigend. Der nie im Vordergrund stehende Bass bildet einen reizvollen Kontrast zu den silbrig funkelnden Tönen. Schon schön.

In Vergessenheit geraten
Der Hammer aber ist die fünfsätzige Sonata op. 40 von Rene Louis Becker (1882 – 1956). Der gebürtige Elsässer, der früh in die USA – Detroit, Michigan - auswanderte, ist lange in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht! Becker bezieht sich auf Bach und die großen französischen Meister der Orgel, entwickelt daraus eine ganz eigene, faszinierende Tonsprache. Das „Praeludium festivum“ ist festlich, prunkvoll, verlangt bereits hohes virtuoses Können. Da glänzt Giulia Biagetti.
„Dialogue“ entwickelt sich zart, aus recht einfachen Melodien. Ein versonnenes Zwiegespräch, angenehm in diesen großmäuligen Zeiten. Das „Scherzo“ flott, flirrend, reichhaltig ausgestaltet.

Erst ruhig, dann furios
„Prayer“ ist naturgemäß ruhig, innig, transparent. Furios der Schlusssatz „Toccata“: Da fliegen die Finger von Giulia Biagetti mit fast schwindelerregender Geschwindigkeit über die Tastatur, Rasanz, Temperament, Virtuosität. Dies zu hören, und auf der großen Leinwand auch zu sehen, ist ein rares Erlebnis.
Lyrisch dann „Ellylon“ des Leverkuseners Hans-Andre Stamm (geboren 1958). Das einstige Orgel-Wunderkind breitet eine friedliche Landschaft aus.
Wunderschöne Melodien auch bei „Cavatina“, bevor es in der „Toccata alla celtica“ zur Attacke geht. Vorwärtsgelegt, mit viel Fußarbeit, grell aufsteigend, wuchtige Einschübe, Veränderungen in kleinen Schritten.

Viel Arbeit
Ein tolles Programm, ein mehr als würdiger Abschluss dieser von Bezirkskantor Franz Günthner organisierten Orgelreihe. Die im kommenden Jahr hoffentlich weitergeht, hoffentlich ohne die Corona-Beschränkungen. Die machen dem freundlichen Team viel Arbeit. Und beeinträchtigen durch die weiten Abstände zwischen den Plätzen das gemeinschaftliche Musikerlebnis denn doch."

 

Samstag, 1. August 2020

2. Orgelmatinee 2020 - "Aus Klage wird Hoffnung"- Musik als Wendepunkt

DKMD Walter Hirt, Orgel

Otto Schöllhorn in der Schwäbischen Zeitung vom 3.8..2020:

"Aus Klage wird Hoffnung"

Mit meisterlichem Spiel ist es Diözesanmusikdirektor Walter Hirt aus Rottenburg gelungen, den Leitgedanken der Orgelmatinee am vergangenen Samstag „Aus Klage wird Hoffnung“ musikalisch umzusetzen. Aus manch beengter und trüber Gesinnung herauszuführen, hoffnungsvoll der Zukunft entgegen zu sehen und wieder Freude an der Musik zu erfahren: Dieser Gedanke zog sich durch das ganze Programm und wurde schon im Eingangsstück, in Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge, e-Moll, spürbar.

Der Gipfelpunkt des Schaffens
Eine überwältigende Schöpfung, die wohl den Gipfelpunkt des Bachschen Orgelschaffens markiert, in dem auf höchstem Niveau schwere Expressivität und heitere, locker perlende Virtuosität eine einzigartige Verbindung einhergehen. Walter Hirt interpretierte das Werk, in dem viele Gestaltungselemente verquickt sind, mit spannungsvoller innerer Dynamik, leitete die schwere pathetische Grundstimmung gekonnt über in ein nahezu lieblich entspanntes Klanggefüge.
Aus Johannes Brahms elf Choralvorspielen für Orgel (op. 122), am Ende des Lebens des Komponisten geschrieben, wählte Hirt „Herzlich tut mich erfreuen die liebe Sommerzeit“ aus. Ein Sommerlied mit ruhig dahinfließender samtener Melodie mit hellen tröstlichen Tönen zu dem zugrunde liegenden Text: „Den Himmel und die Erde wird Gott neu schaffen gar, all Kreatur soll werden ganz herrlich, schön und klar.”

Ungewöhnlich farbig
Ein weiteres ungewöhnlich farbiges Tongebilde zauberte der Organist mit „Chant d’aurore“ von Jean-Pierre Leguay, einem zeitgenössischen Komponisten, der Klangfarben schuf, wie sie vielleicht nur das innere Gehör eines Blinden erspüren kann. Der Gesang der Morgenröte stand auch hier für das Zeichen der Auferstehung und der Hoffnung. Aus der die Dunkelheit symbolisierenden Grundmelodie werden Vogelstimmen hörbar, lieblich-dissonant, am Ende brechen mit Wucht die Sonnenstrahlen auf die Düsternis vertreibend.
Einen grandiosen Abschluss der Orgelmatinee bereite Walter Hirt mit Louis Viernes Orgelsinfonie Nr. 3 fis-Moll, op. 28, daraus Allegro maestoso – Adagio - Final. Mit mächtigem Klang brauste das „Allegro maestoso“ auf. Innig und filigran erklang das „Adagio“, durchwoben von glockenhellen Klängen, bevor Hirt zum majestätischen Finale ansetzte. Hier zog Hirt wohl alle Register und ließ einen grandiosen Orgelorchesterklang im Kirchenraum von St. Martin entstehen, der im Zusammenspiel aller Klangelemente im freudigen Dis-Dur ausklang.

Mut und Hoffnung
Eine Musik, die Mut und Hoffnung macht, wurde doch auch spürbar, wie der Komponist imstande war, Schicksalsschläge zu überwinden, sicher auch mit der Kraft der Musik. Lang anhaltenden Beifall gab es von den Zuhörern für diese Orgelmatinee. Regionalkantor Franz Günthner, der zwischendurch Impulsgedanken zu den einzelnen Kompositionen gab, bedankte sich bei Walter Hirt für diese beeindruckende meisterhafte Darbietung an der Orgel und gab auch seiner Freude Ausdruck, dass bei den Orgelmatineen wieder Regelmäßigkeit eingekehrt ist.

 

Samstag, 4. Juli 2020

1. Orgelmatinee 2020 - Von Orgeln, Glocken und Litaneien

Berthold Schick, Posaune, Alphorn
Franz Günthner, Orgel

Christine King in der Schwäbischen Zeitung vom 7.7.2020:

Alphorn und Orgel in der Kirche

Regionalkantor Franz Günthner (re., Orgel) und Berthold Schick (Posaune, Alphorn) begeisterten bei der ersten Orgelmatinée im Jahr 2020 das Publikum n St. Martin. Coronabedingt gab es Beschränkungen, deshalb konnten nur etwa 80 Besucher dem Konzert lauschen. Die waren aber allesamt begeistert vom virtuosen Orgel- und Posaunenspiel. Das Motto lautete „Von Orgeln, Glocken und Litaneinen“. Zu hören waren unter anderem Stücke von Guilmant, Duruflé und Mozart. Auch Alphornklänge des in der Blasmusikszene bestens bekannten Profis bereiteten in Kombination mit der Orgel einen imposanten, ungewohnten Klangteppich. „Standing ovations“ gab es am Ende für die beiden Musiker. Bei der nächsten Matinée am 1. 8. werden wieder mehr Menschen in der Kirche Platz finden, da die Abstandsregelungen in Kirchen bereits entschärft sind. Dann wird übrigens Diözesanmusikdirektor Walter Hirt aus Rottenburg mit einem „Aus Klage wird Hoffnung“ überschriebenem Orgelprogramm spielen.