Rückblick auf das Jahr 2018

Samstag, 4.August 2018

4. Orgelmatinee - "Il Gusto Italiano"

Nicolò Sari, Venedig, Italien

Bernd Guido Weber in der Schwäb. Zeitung vom 6.8.18:

"Bei Nicolo Sari klatschen viele noch vor dem Schluss

Das ist ungewöhnlich: Bereits nach dem dritten Stück applaudieren viele Besucherinnen und Besucher in St. Martin, feiern so einen besonderen Orgelvirtuosen. Nicolo Sari aus Venedig hat da gerade das „Adagio per l´Elevazione“ beendet, komponiert von Vincenzo Petrali. Ein kühnes Stück, von dunklen Momenten über gleißenden Himmel hin zum klaren, hellen Licht.

Begonnen hat der etwas schüchtern wirkende, freundliche 30-Jährige mit einem klangmächtigen Werk von Johann Christian Rinck. Sechs Variationen über ein Thema von Corelli. Brigitte Göser vom Förderkreis Kirchenmusik weist auf die frühere Bedeutung Rincks hin. Er ist weltberühmt gewesen, zu seiner Zeit und danach. Sie vertritt bei dieser Matinee in der angenehm kühlen Kirche Regionalkantor Franz Günthner, der selbst auf Tournee ist. Göser bittet um Verständnis, sollte die Bildübertragung auf der großen Videoleinwand ausfallen. Zwei Marder haben die Turmrenovierung genutzt, sich im Dach des Kirchenschiffes eingenistet. Offenbar haben sie die Übertragungskabel noch nicht angeknabbert – die Technik funktioniert.

Der Choral aus der 2. Sinfonie von Louis Vierne hat ein einfaches, eingängiges Thema, fast schon eine Pastorale. Dies wird ausgebaut, erst ruhig, dann mit flotterer, hellerer Mitte. Farbenschön.

Der Hammer aber ist „Le sanguinose giornate di marzo ossia la rivoluzione di Milano“. Padre Davide da Bergamo erzählt darin vom siegreichen Aufstand der Milanesen gegen die österreichischen Truppen. Oberitalien gehört zu dieser Zeit zum riesigen Reich der Habsburger. Ein blutiger März im Jahr 1848, Bürgermilizen gegen die Tiroler Jäger unter dem Kommando von Feldherr Josef Graf Radetzky. Beginn des ersten nationalen Aufstandes der Italiener, der allerdings später scheitert.
Padre Davide da Bergamo (1791-1863) inszeniert die Orgel als Orchester, in seiner Heimatkirche ausgestattet mit Trommeln, Pauken, Becken. Schlagwerk steht in Leutkirch freilich nicht zur Verfügung. Macht nichts – Davide da Bergamo bietet auch hier Breitwandkino, nimmt, salopp ausgedrückt, den heutigen Actionfilm in musikalischem Großformat vorweg. Ein gewaltiges Stück. Am Ende vertreiben die Milanesen die Besatzer, der Siegesmarsch gerät triumphal.

Viel, viel Beifall, die meisten erheben sich. Nicolo Sari bedankt sich mit einer wunderschönen Melodie, dem Adagio aus dem Konzert in d-Moll von Allessandro Marcello. Umgeschrieben von Johann Sebastian Bach für das Cembalo, jetzt feinsinnig auf der Orgel."

Samstag, 7.Juli 2018

3. Orgelmatinee - "Spezialitäten der Orgelliteratur"

Thorsten Maus, Recklinghausen

Bernd Guido Weber in der Schwäb. Zeitung vom 9.7.18:

"Der Orgelpoet spielt mit feinen Farben

Spezialitäten hat Regionalkantor Franz Günthner für die Orgelmatinee zur Marktzeit angekündigt. Thorsten Maus, geboren 1972 in Essen, hat tatsächlich ein anderes, so nie gehörtes Programm geboten. Wo andere Virtuosen alle Register ziehen, donnern, sich und das Publikum an der Macht der Klänge berauschen, nimmt sich Maus zurück. Spielt mit zarten, feinen Farben, mit intimen, spirituellen Tönen. Höhepunkt: Seine Improvisation über einen Satz aus dem Evangelium. Viel, viel Beifall.

Die Fantasie und Fuge über das Thema B-A-C-H von Franz Liszt ist ja ein wirkmächtiges Stück. Virtuose Passagen, scharf akzentuierten Akkorde, dazu eine eigenständige Bassstimme, intoniert mit den Fußpedalen. Maus bringt dieses oft gehörte Werk mit sensibel ausgewählten Registern, von Attacke bis schäfchenweich. Fast lieblich dagegen der originale Bach, hier die Trio-Sonate Nr. 4 e-moll. Maus interpretiert den zweiten Satz besonders melodiös, fast zärtlich. Ein feinnerviger Musiker.

Kompositionen des US-Amerikaners Dan Locklair, geboren 1949, werden hierzulande eher spärlich aufgeführt. Schade, denn das von Thorsten Maus ausgewählte „The peace may be exchanged“ aus Locklairs liturgischer Suite ist ein fast Zen-artiges, aufs Wesentliche reduziertes Tonwerk. Obertonreich geht es mitten ins Herz, schwingt dann tief aus. In den USA wird es auch bei Bestattungen gespielt, so bei der von Ronald Reagan.

Bewegend, das Innere berührend, ist die Improvisation von Thorsten Maus über das Jesus-Wort zu seinem Mitgekreuzigten. „Aber ich sage dir, noch heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Ein mächtiger Grundbass, Not, Schmerzen. Blendende Helle, Dramatik, wilde Töne. Abschied von der irdenen Existenz. Engelsflöten, nochmals der Kampf ums Loslassen. Die Tore öffnen sich, ein lang anhaltender Akkord voller Seligkeit. An das Davor erinnert nur noch eine ganz kleine Dissonanz. Und die Mittagsglocken von St. Martin läuten dazu."

Samstag, 2.Juni 2018

2. Orgelmatinee 2018 - "Kathedralklänge"

Rolf Müller, Domorganist Altenberg

 Babette Caesar in der Schwäb. Zeitung vom 4.Juni 2018:

 "Sehr flexibel, höchst präzise – und etwas außer Atem

 Erfrischend und zupackend, poetisch und sinnlich haben sich die „Kathedralklänge“ ihren Zuhörern in der Stadtpfarrkirche St. Martin dargeboten – mit dem aus Altenberg im Bergischen Land angereisten Domorganisten Rolf Müller am Samstag während der Orgelmatinee zur Marktzeit. Seine Werkauswahl mit sechs Stücken namhafter Komponisten betonte auf hohem technischen Niveau die melodischen Kontraste und bewies einmal mehr, wozu das Instrument in der Lage ist.

 Die Orgelempore habe gewackelt, meinte Regionalkantor Franz Günthner, nachdem die letzten Töne von Müllers Improvisation über ein gegebenes Thema verklungen waren: Das beliebte Kirchenlied „Ein Haus voll Glorie schauet“ hatte er sich für sein musikalisches Stegreifspiel ausgewählt als Finale dieser Matinee. Dumpf setzte das Stück ein. Dazu ein leichter Donner im Hintergrund, bis das Liedhafte durchbrach, sich steigerte, verdichtete und wieder abschwoll. Mystisch-dunkeltonig gefärbte Register, über die sich eine lyrische Stimme erhob, wechselten in Machtvolles von gewaltiger Ausstrahlung über. Welche spieltechnische Intensität Rolf Müller dabei entfachte, konnten die Zuhörer mittels vor dem Chor platzierter Leinwand verfolgen. Etwas außer Atem sei er schon, räumte er nach dem Konzert ein.

Seit 2001 ist er Domorganist und Kantor am Dom zu Altenberg sowie künstlerischer Leiter der Dommusik. Hinzu kommen die Leitung des Internationalen Orgelfestivals und der Internationalen Altenberger Orgelakademie für Improvisation. Dass sein Repertoire stilistisch sehr breit angelegt ist, bewies die Leutkircher Matinee mit Werken aus Barock, Klassik und Romantik. In diese führte Franz Günthner kurz ein. In Georg Muffats „Toccata nona“ aus „Apparatus musico-organisticus“ von 1690, die den 1653 in Savoyen geborenen Komponisten als frühen Kenner mehrerer Stile ausweist: Auf pompöse und statische Satztechniken folgte ein leichte glockenartige Melodie hinauf zu einer gedämpften Flötenpartie.

Ganz anders dagegen das „Concerto a-Moll nach Vivaldi“ von Johann Sebastian Bach. Gereist ist er nie auf „Grand Tour“ nach Italien, wie das im 18. Jahrhundert üblich war. Von Antonio Vivaldi hat er dennoch viel gelernt, dank seinem in Weimar wirkenden Vetter Johann Gottfried Walther, der zahlreiche Übertragungen anfertigte. Schließlich bietet die Orgel wie kein anderes Tasteninstrument Gelegenheit, die Tutti- und Solo-Ensembles italienischer Orchesterkonzerte nachzuahmen. Voll wilder Tanzlust, voller Überschwang und Frohsinn hob der unbezeichnete erste Satz an. Rasant und äußerst beweglich. Dem ein leicht verschwommenes Adagio in hohen Flötentönen folgte.

 Mit einer Canzone aus „Suite für Orgel“ op. 56 von Josef Renner junior und dem Final aus der „Orgelsonate Nr. 1, d-Moll“ von Felix Alexandre Guilmant wechselte Rolf Müller zu zwei hoch geschätzten Organisten über. Das Ernste und Getragene, das sich zu einer immensen raumfüllenden Tiefe aufbaut, das voller Wucht durchbricht, sich hochdramatisch und ohne Atempause entfaltet und wie ein riesiger, ineinander verwobener Klangteppich ausdehnt – all das intonierte Rolf Müller mit dynamischer Flexibilität und absoluter Präzision in dieser Matinee, für die es viel Applaus gab."


Samstag, 5. Mai 2018

1. Orgelmatinee 2018 - Orgel und Violine

Aloisia Dauer, Violine,
Regionalkantor Franz Günthner, Orgel

Otto Schöllhorn in der Schwäbischen Zeitung vom 8.5.2018:

Feinfühlige Töne und furiose Klangwelten

Interpreten dieses spannungsvollen und begeisternden Konzertes waren die Violinistin Aloisia Dauer, die neben ihrer internationalen Konzerttätigkeit seit 2017 an der Musikschule Württembergisches Allgäu und der Musikschule Grünwald/München unterrichtet. Den Orgelpart übernahm Franz Günthner, seit 2011 Kirchenmusiker an St.Martin und Regionalkantor für die Bezirke Allgäu, Oberschwaben und Bodensee. Umschrieben war das Konzert mit „Ganz in Sehnsucht eingehüllt“.

Drei Teile aus Josef Rheinbergers „Sechs Stücke für Violine und Orgel, op. 150“ standen im Mittelpunkt des Konzerts, begleitet von Werken weiterer spätromantischer Komponisten. Mit „Thema und Variationen, op. 150/1“ von Josef Rheinberger (1839-1901) eröffneten die beiden Instrumentalisten die Matinee. Weicher Streicherklang der Violine legte sich feinfühlig über die Orgeltöne, baute sich energisch mit Solokadenzen auf und klang in einem warmen zarten Tongebilde aus. Zur Freude der Zuhörer kam auch ein Werk von Georg Schneider (1878-1958) zur Aufführung. Er war Lehrer an der katholischen Volksschule in Leutkirch und virtuoser Organist von St. Martin. Als Komponist schuf er viele bedeutende Werke, darunter die „Introduktion und Fuge über den Namen B-A-C-H“ für Orgel, worin er satztechnische Souveränität mit romantischem Klangsinn verbindet. Ein gehaltvolles und spannendes Werk der deutschen Spätromantik, das kontrapunktisch anspruchvoll gearbeitet ist. Hier konnte Franz Günthner mit meisterlicher Dynamik Tonbögen spannen von zart melodischen und auch dissonanten Anklängen zu furiosen Klangwolken.

Mit seinen sechs Sonaten für Solo-Violine schuf der belgische Violinvirtuose Eugène Ysaÿe eine äußerst anspruchsvolle Komposition. Aloisia Dauer interpretierte die 4. Solosonate für Violine e-Moll, op. 27. Mit ihrer Virtuosität, den ganzen Facetten der Violinspieltechnik, der Beherrschung von Läufen und Kadenzen fand sich die Virtuosin dynamisch und empfindsam in die stilistischen Eigenheiten dieses besonderen Werkes ein. Kraftvoll und ausladend konnte Franz Günthner beim“ Marche héroique“ für Orgel solo des englischen Komponisten Herbert Brewer, in die Tasten greifen und spannende Wechsel von sanfter Melodieführung mit recht kühnen Harmonien zu einem markanten Finale verbinden. In Josef Rheinbergers Abendlied, op. 150/ 2 für Orgel und Violine erzeugten die Interpreten mit wunderbar fließenden Tonfolgen die dem Thema entsprechende romantisch träumerische Stimmung und in der sich anschließenden „Elegie, op. 150/ 5“, die zur Freude der Zuhörer als Zugabe dargeboten wurde, konnte sich im Zusammenspiel die ganze Virtuosität der beiden Musiker noch einmal schwelgend entfalten. Der begeisterte und dankbare Beifall der zahlreichen Besucher galt den beiden Interpreten und wohl auch dem Förderverein Kirchenmusik für den gelungenen Auftakt dieser besonderen Konzertreihe.